March 24, 2026

Kapitalüberhang wird zum Risiko – Leben mit dem Schwan?

Mittel gibt es mehr als genug, aber keine Gewissheit. Private Equity operiert mit Milliarden an Dry Powder – und in einer Welt, in der Schocks zum Betriebszustand werden. Genau deshalb werden Integrierte Due Diligence, Resilienz und operative Präzision zum Motor der Wertschöpfung. Eine Markteinschätzung von Steffen Kroner

Es gibt Probleme, die auf den ersten Blick wohl jeder gern hätte. Zum Beispiel zu viel Geld. Weltweit sitzen Private-Equity-Fonds auf mehr als zwei Billionen Dollar, die sie noch nicht investiert haben; seit gut vier Jahren hat die Menge an so genanntem dry powder diese Schwelle überschritten – auch wenn der historische Höchststand mit X Billionen hinter uns liegt(1). Und dennoch ist Kapitalüberhang kein komfortables Polster, sondern ein herunter tickender Timer, der anderen Herausforderungen schafft. Kapital muss angelegt werden, sonst erzielt es keine Rendite. Genau deshalb machen institutionelle Investoren (insb. Pensionskassen, Versicherungen etc) Druck auf die Fonds. Und das kann zu einer Unterschätzung von Risiken führen.

Unsicherheit ist das neue Normal

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Auch in der Private-Equity-Branche wird die Wirklichkeit rauer. Da ist der Kapitalstau, der durch Exit-Backlogs verschärft wird, weil Bewertungen von Verkäufern und potenziellen Käufern oft weit auseinander liegen und längere Haltezeiten von Portfolio-Unternehmen verursachen. Deutlich gestiegene Zinssätze erschweren Refinanzierungen und belasten den Cashflow der Firmen. Operativer Cash Flow steht weniger zur Finanzierung des Wachstums, von Forschung & Entwicklung oder für Investitionen in Fabriken und Maschinen zur Verfügung, Investitionen die die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen absichern. Und nicht zuletzt führen geopolitische Spannungen in vielen Regionen der Welt samt Zollunsicherheit und fragilen Lieferketten zu massiver Marktvolatilität. Das stellt Fonds vor ein Dilemma: Es mangelt also nicht an Kapital, aber an Planbarkeit und Sicherheit. Und je höher der Deployment-Druck wird, desto mehr steigt das Risiko für Fehlinvestitionen.

 

Private Equity ist ein Geschäft der Wahrscheinlichkeiten. Investitionsentscheidungen beruhen auf Szenarien, Cashflow-Modellen und Exit-Annahmen, die sich über mehrere Jahre erstrecken. In stabilen Phasen funktionieren solche Modelle zuverlässig. Doch Unsicherheit ist in unserer aktuellen Welt kein Ausnahmezustand mehr, sondern Grundzustand. Lieferketten, Finanzierungskosten, regulatorische Rahmenbedingungen und geopolitische Risiken verändern sich schneller als klassische Forecast-Zyklen reagieren können. Black-Swan-Events sind inzwischen ökonomische Normalität, mangelnde Vorhersehbarkeit wird zum Dauerzustand. Deshalb hängt der Erfolg von Private-Equity-Fonds entscheidend davon ab, wie sie mit diesen Risiken umgehen. Und wie resilient sie ihre Portfolio-Unternehmen aufstellen.

KRISE ALS DAUERZUSTAND – DAS UNERWARTBARE ERWARTEN 

Der schwarze Schwan als unheilvolles Symbol für die Wirtschaft geht auf den amerikanisch-libanesischen Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb zurück. In seinem 2007 erschienenen Buch „The Black Swan“ beschreibt er seltene, hochgradig folgenreiche Ereignisse, die sich ex post zwar erklären, zuvor jedoch kaum prognostizieren lassen. Finanzkrisen, Pandemien oder geopolitische Eskalationen gehören dazu und entfalten massive Wirkung und wischen in diesen Fällen alle bislang angenommen Wahrscheinlichkeitsannahmen vom Tisch (übersteuern diese). Gerade erst hat das Institut der deutschen Wirtschaft vorgerechnet, dass allein in Deutschland durch die verschiedenen Krisen seit 2020 ein Schaden von fast einer Billion Euro entstanden ist (2).

Talebs zentrale These lautet, dass komplexe Systeme nicht an berechenbaren Risiken scheitern, sondern an den Extremen, die in Modellen nicht vorgesehen sind. Für Private Equity ist das eine strukturelle Herausforderung. Wer Kapital über Jahre bindet, plant mathematisch – doch Rendite entscheidet sich zunehmend an den Rändern der Verteilung. Damit verlieren reine Prognosen an Bedeutung, stattdessen entscheidet die Fähigkeit, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Aus Forecast-Optimierung wird Entscheidungsdesign.

 

Deal-Disziplin schlägt Aktivismus

Doch Theorie allein schützt nicht vor Zeitdruck. Fonds können Kapital nicht auf unbestimmte Zeit parken. Laufzeiten sind begrenzt, und jedes Jahr ohne Deployment (Anlage) verkürzt das Zeitfenster für Wertschöpfung. Nicht zu investieren ist daher keine neutrale Option, sondern eine strategische Entscheidung mit unmittelbaren Konsequenzen für Fond-Performance, Ausschüttungen und das nächste Fundraising. 

Gerade hier zeigt sich der Unterschied zwischen Aktivität und Disziplin. Erfahrene Manager wissen, dass Zeitdruck kein valides Investmentkriterium ist. Sie schließen im Zweifel lieber keinen Deal ab als einen schlechten. 

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INTEGRIERTE DUE DILIGENCE ALS NAVIGATIONSSYSTEM

Das bedeutet nicht, dass weniger investiert wird. Es bedeutet, dass die Schwelle für Überzeugung steigt. Investment Committees stellen andere Fragen als noch vor fünf Jahren. Sie prüfen nicht nur Wachstumsperspektiven, sondern die Belastbarkeit des Geschäftsmodells unter Stress. Sie arbeiten mit Extrem-Szenarien: Wie reagiert die Firma bei einem Nachfragerückgang von 25/50 Prozent? Welche Spielräume bleiben bei steigenden Finanzierungskosten? Gibt es operative Alternativen, wenn ein Standort ausfällt (bspw. durch Unruhen/Kriege) oder ein wichtiger Lieferant wegbricht?

Hier gewinnt Integrierte Due Diligence an Bedeutung. Commercial, Operational und Financial und ESG Due Diligence lassen sich nicht mehr isoliert betrachten. Marktpotenzial, Kostenstruktur, Kapitalstruktur und Exit-Fähigkeit müssen als zusammenhängendes System funktionieren. Ein attraktives Marktumfeld kompensiert kein fragiles Working-Capital-Profil. Eine solide EBITDA-Story trägt nicht, wenn Refinanzierungsfähigkeit oder Covenant-Headroom unzureichend sind. In einem Umfeld struktureller Unsicherheit wird die ganzheitliche Betrachtung zur Voraussetzung für Investierbarkeit.

RISK-CREEP – KLEINE ABWEICHUNG, GROSSE WIRKUNG

Doch selbst disziplinierte Prozesse eliminieren das Risiko nicht vollständig. Wenn Deployment-Druck auf Unsicherheit trifft, entsteht ein Phänomen, das sich schwer messen lässt, aber spürbar wirkt: Risiko wächst schleichend. Annahmen werden graduell optimistischer, Transformationszeiträume ambitionierter, Multiple-Erholung implizit unterstellt. Kein einzelner Schritt ist problematisch. Die Summe kann es sein. Dieses langsame Ansteigen des Risikos – ein schleichender Risk Creep – ist weniger spektakulär als eine Fehlallokation, aber genauso gefährlich. Es ist wie bei einer Atlantiküberquerung mit einem Schiff, bei dem der Kompass bloß um ein Grad falsch eingestellt ist: Nach einer Stunde ist das unmerklich, nach einem Tag ist man leicht versetzt. Nach einer Woche landet man Hunderte von Kilometern vom Ziel entfernt.

Genau hier verschiebt sich der Fokus von reiner Optimierung zur Robustheit. Wer Risiko nicht komplett prognostizieren kann, muss Systeme so bauen, dass sie starke Abweichungen aushalten. Resilienz ist deshalb kein defensiver Reflex, sondern eine aktive Form von Wertschöpfung bzw. -absicherung. Das beginnt schon bei der Kapitalstruktur. Höhere Eigenkapitalquoten oder konservativere Fremdkapitalhebel sind kein Zeichen geringerer Ambition, sondern Ausdruck einer veränderten Risikologik. 

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    RESILIENZ ALS DESIGN-PRINZIP

    Resilienz ist mehr als Bilanzdisziplin. Sie betrifft das operative Design der Portfoliounternehmen. Working Capital wird neu bewertet – über die rein finanzielle Stellgröße als strategischer Puffer. Lieferketten werden auch geografisch diversifiziert, Abhängigkeiten transparent gemacht, Alternativszenarien vorbereitet, Lagerhaltung erhöht. Unternehmen, die ihre Kostenstruktur flexibel halten und Liquidität konsolidieren, verlieren bei ihren finanziellen Hebeln womöglich marginal, verfügen in volatilen Phasen aber über wichtige Handlungsspielräume.

    Deshalb verschiebt sich auch der Blick im Investmentprozess. Liquiditätsreichweiten werden unter verschiedenen Refinanzierungsbedingungen simuliert. Der 100-Tage-Plan nach Closing ist damit keine lineare Transformationsagenda, sondern ein adaptives Steuerungsinstrument das die Möglichkeit für die Nachsteuerung erlaubt, ja schlichtweg einfordert

    Stärke durch Nähe zum operativen Geschäft

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    Multiple-Expansion bleibt ein Faktor – aber sie ist nicht mehr der verlässliche Renditetreiber vergangener Jahre. Cashflow-Konversion und operative Substanz gewinnen an Gewicht. 

    Wenn sich Risiko nicht verlässlich prognostizieren lässt, muss es operativ beherrschbar gemacht werden. Genau deshalb werden Stresstests zur Entscheidungsgrundlage: Was passiert, wenn der Umsatz absackt? Was, wenn ein Standort ausfällt, eine Fabrik brennt oder eine Region über Wochen stillsteht? Resilienz entsteht vorher als Design: bewusste Redundanzen in Lieferketten und IT, Puffer im Working Capital, klare Notfallpläne – und ein Wertsteigerungsprogramm, das nicht linear durchoptimiert, sondern unter Volatilität steuerbar bleibt. 

    VON WACHSAMKEIT ZU WACHSTUM

    Gerade deshalb ist Seniorität in dieser Phase mehr als ein Erfahrungsmerkmal. Sie ist ein Schutz vor Selbsttäuschung. Erfahrene Partner wissen, dass Druck kein guter Ersatz für Argumente und Kalkulation ist. Nicht alles, was wie ein Luxusproblem klingt, ist auch eines. Mehr als zwei Billionen Dollar Dry Powder sind keine Komfortzone, sondern eine Bewährungsprobe – für Disziplin, für Entscheidungsqualität, für Umsetzungstiefe. In einer Welt, in der „schwarze Schwäne“ gewöhnlich werden, gewinnt nicht derjenige, der am schnellsten Kapital ausschüttet, sondern derjenige, der auch im Alternativszenario handlungsfähig bleibt. Resilienz ist somit nicht mehr das Sicherheitsnetz der Rendite – sondern ihr Motor.

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